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Ludwig-Maximilians-Universität München SS 09

Institut für Psychologie

Lehrstuhl Prof. Pekrun

Dipl.-Psych. Beate Böhmert

Seminar: Persönlichkeitsentwicklung im Kontext der Familie

Theoretische Grundlagen der systemischen Therapie


Evelyn M.


Inhaltsverzeichnis


1. Überblick

2. Theoretische Grundlagen der systemischen Therapie

2.1.Wirklichkeitskonzept der systemischen Therapie: radikaler Konstruktivismus

2.2. Systemorganisation und –manipulation

2.2.1. Kybernetik

2.2.2. Bedeutung der Sprache

2.2.3. Zirkulare Kausalität

2.2.4. Chaostheorie

2.3. Menschen- und Selbstbild der systemischen Therapie

2.3.1. Prinzip der Autonomie des Individuums

2.3.2. Der Klient als Experte

2.3.3. Kundenorientierung

2.4. Einflüsse der positiven Psychologie

2.4.1. Ressourcenorientierung

2.4.2. Lösungsorientierung

3. Diskussion


1. Überblick


In meiner Arbeit möchte ich einen Überblick darüber geben, welche Vorstellungen und Weltbilder in die systemische Familientherapie eingeflossen sind und sie geprägt haben. Dabei werde ich auch darauf eingehen, in welcher Weise sich die jeweiligen Vorstellungen in den Methoden der systemischen Therapie manifestieren.

Zunächst möchte ich auf das Wirklichkeitskonzept der systemischen Therapie eingehen. Hierauf folgt dann die Organisation des Systems Familie sowie die Möglichkeiten des Therapeuten, dieses System zu verändern. Anschließend werde ich erläutern, wie die systemische Therapie das Individuum, ihre eigene Rolle bzw. die des Therapeuten sowie die Beziehung zwischen Individuum und Therapeut begreift. Desweiteren werde ich darstellen, inwiefern die systemische Familientherapie von der positiven Psychologie beeinflusst wurde. Am Ende meiner Arbeit möchte ich schließlich die Theorienvielfalt der systemischen Therapie kritisch betrachten.

2. Theoretische Grundlagen der systemischen Therapie


2. 1. Wirklichkeitskonzept der systemischen Therapie: radikaler Konstruktivismus

Eine Grundlage für systemische Ansätze ist der radikale Konstruktivismus. Hierbei handelt es sich um eine philosophische Richtung, die die Ansicht vertritt, dass es keine objektive Wirklichkeit geben kann, da sich, aufgrund der Tatsache, dass die Wirklichkeit als solche von der menschlichen Wahrnehmung nicht erfasst werden kann, jedes Individuum seine persönliche Wirklichkeit selbst konstruiert. Demnach existieren im Grunde so viele Wirklichkeiten wie Individuen und es ist nicht möglich, unter der Fülle der subjektiven Wirklichkeiten die „tatsächliche“ herauszufiltern (Schmidt & Vierzigmann, 2006, S. 221).

Als Konsequenz für den Therapeuten ergibt sich zum Einen eine neutrale Grundhaltung gegenüber allen Familienmitgliedern, die dem gerecht werden soll, dass es kein „Richtig“ oder „Falsch“ gibt. Zum Anderen bedeutet dies, dass an den Mechanismen angesetzt werden muss, die die Wirklichkeit konstruieren, um eine nachteilige Wirklichkeitskonstruktion im Sinne der subjektiven Zufriedenheit zu verändern. Hierauf werde ich später noch zurückkommen.

2.2. Systemorganisation und –manipulation

2.2.1. Kybernetik

Die wahrscheinlich bedeutendste Grundlage der systemischen Familientherapie stellt die Kybernetik dar. Sie befasst sich mit der „Beschreibung der Regelung und Steuerung von komplexen Systemen“ (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 53) und hat ihre Wurzeln in der Biologie und Physiologie (a. a. O., S. 50). Die Kybernetik verwendet einen Systembegriff, „der der Steuerungslehre technischer Systeme entlehnt ist“ (Schmidt & Vierzigmann, 2006, S. 219): Systeme werden im Sinne von Regelkreisen verstanden, die sich durch Rückkopplung auf einen Gleichgewichtszustand, die Homöostase, einpendeln müssen.

Ein Beispiel aus der Biologie wäre hierfür der Blutzuckerspiegel, der entweder zu hoch oder zu niedrig sein kann und durch die Zufuhr von Nahrung oder die Speicherung von Zucker auf dem Sollwert gehalten wird. Die Kybernetik ist für die systemische Familientherapie insofern von Bedeutung, als die Familie ebenfalls als System betrachtet wird, das seine individuelle, womöglich auch pathologische Homöostase besitzt. Ziel der Therapie ist es demnach, das System Familie derart zu beeinflussen, dass es eine neue Homöostase mit subjektiv besser funktionierenden Regelmechanismen annimmt, die mit größerer Zufriedenheit der Mitglieder einhergeht.

Die Kybernetik teilt sich in eine erste und zweite Ordnung auf, wobei sich die Ordnungen in der jeweiligen Ansicht der Kontrollierbarkeit und Manipulierbarkeit von Systemen unterscheiden und damit unterschiedliche Arten des therapeutischen Ansatzes mit sich bringen.

Die Kybernetik erster Ordnung geht von der Möglichkeit zielgerichteter Beeinflussung eines Systems aus, also davon, dass der außenstehende Therapeut die Kontrolle über das Familiensystem gewinnen kann (Schmidt & Vierzigmann, 2006, S. 219).

Die Voraussetzung für die Kybernetik zweiter Ordnung ist der oben genannte radikale Konstruktivismus: „Wenn alles, was gesagt wird, von und zu einem Beobachter gesagt wird […], dann ist jeder Berater selbst Teil der von ihm konstruierten Wirklichkeit und verliert damit seinen Expertenstatus gegenüber den zu beratenden Systemen“ (a. a. O., S. 221). Auf dieser Grundlage ist es dem Therapeuten weder möglich, objektive Aussagen über ein System zu machen, noch auf der Grundlage das System zielgerichtet zu manipulieren (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 53).

2.2.2. Bedeutung der Sprache

Die einzelnen Elemente sozialer Systeme interagieren miteinander über die Sprache (Schiepeck, 1999, S. 45). Indem einem Verhalten mittels der Sprache Sinn und Bedeutung zugeschrieben wird (a. a. O., S. 46), entsteht eine „symbolisch vermittelt[e] Realität“ (a. a. O.). Die Sprache ist also Ausdrucksträger der innerfamiliär konstruierten Wirklichkeit (vgl. 2.1.1.).

Die Art der Kommunikation bzw. der verwendeten Sprache innerhalb der Familie stellt demnach den zentralen Angriffspunkt einer systemischen Therapie dar: „eine Veränderung der Art, wie und worüber gesprochen wird, bedeutet immer auch eine Veränderung von Formen der Verhaltenskoordination innerhalb des entsprechenden Realitätsausschnitts“ (a. a. O.).

2.2.3. Zirkulare Kausalität

Da die Familie als System betrachtet wird, sind lineare Kausalitätskonzepte, die Ursache und Wirkung klar zu trennen vermögen, nicht mehr sinnvoll. Wenn ein Element des Systems sich ändert, hat das Einfluss auf alle anderen Teile des Systems, die sich dann wiederum ihrerseits ändern und somit abermals Einfluss auf alle übrigen Elemente nehmen. Es ist daher nicht möglich, die genaue Ursache einer Änderung im System zu benennen, da jede Aktion eines Systemelements zugleich Reaktion auf eine zuvor stattgefundene Änderung ist. Man spricht hier von zirkularer Kausalität (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 118).

Als Konsequenz für den Therapiealltag ergibt sich, dass bspw. die im Alltag typische Suche nach dem „Sündenbock“ oder dem „Problemkind“ sinnlos ist, da stets der gesamte Systemzusammenhang betrachtet werden muss.

2.2.4. Chaostheorie

Weiterhin bestimmend für die Art des therapeutischen Ansatzes ist die Chaostheorie, ursprünglich eine mathematische Theorie nicht-linearer Systeme (Schiepeck, 1999, S. 140). Sie konzentriert sich auf die Systeme, die sich auf unvorhersehbare Weise verändern (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 51). Ein solches System ist beispielsweise das Wetter, das nie genau vorherzusagen ist, da selbst eine so winzige Ursache wie der Flügelschlag eines Schmetterlings theoretisch einen Hurrikan auslösen kann. Bekannt wurde dieses Phänomen als „Schmetterlingseffekt“ (http://www.scinexx.de/dossier-detail-141-10.html [Stand: 17.8.2009]).

Im Rahmen der Chaostheorie ist es einem systemischen Therapeuten zwar möglich, durch Anregung das Familiensystem „in Eigenschwingung versetzen zu können“ (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 51), welche Veränderungen im System dadurch aber letztendlich auftreten, ist nicht absehbar (a. a. O., S. 65). Auch hier greift also die lineare Kausalität nicht (vgl. 2.2.3.).

2.3. Menschen- und Selbstbild der systemischen Therapie

2.3.1. Prinzip der Autonomie des Individuums

Menschenbildlich folgt der systemische Ansatz dem Prinzip der Autonomie des Individuums. Dies bedeutet, dass der Mensch nicht vollständig durch seine Umwelt determiniert ist (Schiepeck, 1999, S. 49), d. h. ihm bleibt immer „Raum für persönliche Entscheidungen“ (a. a. O.).

Hieraus lässt sich schlussfolgern, dass es einem Menschen theoretisch auch in schwierigen Umständen möglich ist, ein zufriedenes Leben zu führen. Die Therapie soll hierbei Hilfe leisten.

2.3.2. Der Klient als Experte

Weiterhin gilt das Individuum in der systemischen Therapie als „Experte“ für seine eigenen Probleme, der am besten weiß, worunter er leidet. Der Therapeut ist lediglich zuständig für die „Rahmenbedingungen des Veränderungsprozesses“ (a. a. O., S. 52).

Auch aus diesem Grund ist eine neutrale, nicht wertende Grundhaltung des Therapeuten unabdingbar.

2.3.3. Kundenorientierung

In der systemischen Therapie spricht man nicht von „Patienten“ sondern von „Klienten“ oder auch „Kunden“, wobei letzteres auch auf oben angesprochene „Situationskundigkeit“ der Individuen anspielt. Hier wird die Kundenorientierung der systemischen Therapie bzw. ihr Selbstverständnis als Dienstleistung deutlich (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 125).

Dies impliziert, dass der Therapeut den Kunden das zu liefern hat, worum er gebeten wird und nicht das, was die Kunden seiner Meinung nach brauchen. Hier, sowie beim obigen Punkt, setzt sich die systemische Therapie deutlich von anderen Therapieformen ab, bei denen der Therapeut sowohl als Experte für die Problemfindung als auch für die Problemlösung gilt. Somit ist es völlig legitim, das System zu einem Gleichgewichtszustand zu führen, der zwar alle Mitglieder subjektiv zufriedenstellt, objektiv betrachtet aber suboptimal wäre, wie z. B. die partnerschaftliche Ergänzung eines sehr geltungsbedürftigen und eines sehr abhängigen Menschen.

2.4. Einflüsse der positiven Psychologie

Die positive Psychologie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich, nicht so sehr auf Defizite und Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur konzentriert, sondern den Fokus viel mehr auf „Stärken, Tugenden oder Ressourcen“ der Menschen richtet (Auhagen, 2004, S. 1).

2.4.1. Ressourcenorientierung

Das positivpsychologische Konzept der Salutogenese hat die systemische Familientherapie in Richtung der Ressourcenorientierung geprägt. Die Salutogenese fokussiert auf die Ressourcen, die Menschen haben, um nicht krank zu werden (Jork, 2006, S. 17), anstatt wie pathogenetische Konzepte die Frage zu stellen, warum sie krank werden. Analog hierzu ist die systemische Therapie davon überzeugt, dass Menschen zu jedem Zeitpunkt über zahlreiche Ressourcen verfügen, die sie zur „Gestaltung und zum Gelingen des Lebens sowie zur Gestaltung [ihrer] Identität nützen [können]“ (Schiepeck, 1999, S. 53). Als Beispiele gelten „Kompetenzen, ideelle Werte, […] Lebenserfahrungen und Hoffnungen, materielle Ressourcen, […] selbstwertförderliche Tätigkeiten“ und andere. Zu Pathologien kommt es nur, weil sich Menschen „aus subjektiv respektablen Gründen“ (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 125) dazu entscheiden, vieles davon, was ihnen theoretisch offen stünde, um Probleme zu lösen, nicht zu tun (a. a. O., S. 124 f). Der therapeutische Prozess besteht also aus einer Reaktivierung von bereits vorhandenen Ressourcen.

2.4.2. Lösungsorientierung

Einen weiteren positivpsychologischen Ansatz verfolgt die systemische Therapie mit der Lösungsorientierung. Diese folgt unmittelbar daraus, dass von der Suche nach Problemen keine Ressourcen frei werden (a. a. O.). Der deutlichste Gegensatz tritt hier zur Psychoanalyse auf. Während diese sich auf die Ursache des Problems konzentriert, vertritt die systemische Therapie die Überzeugung, dass zur Lösung eines Problems die Ursache unerheblich ist, da „der Prozeß der Lösung sich von Fall zu Fall stärker ähnelt als die Probleme, denen die Intervention jeweils gilt“ (Schlippe & Schweitzer, 2003, zitiert nach de Shazer 1989, S. 12).

3. Diskussion


Abschließend bleibt anzumerken, dass die systemische Theorie sich vieler theoretischer Inspirationsquellen der verschiedensten Disziplinen bedient hat. Während die Verhaltenstherapie oder die Psychoanalyse, als nach wie vor anerkannteste und verbreiteteste Therapierichtungen, sich auf eine eigene Theorienwelt und auch eine Gruppe weniger namhafter Vorreiter berufen, wird die Vielfalt der systemischen Therapie auch darin deutlich, dass viele systemische Therapeuten in ihrem Theorieverständnis ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen (a. a. O., S. 49). So schreibt selbst die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie auf ihrer Homepage: „200 systemische TherapeutInnen wurden gefragt, was denn das Wörtchen "systemisch" zu bedeuten habe. Nicht ganz 200 verschiedene Antworten wurden dem Frager gegeben“ (http://www.dgsf.org/themen/was-heisst-systemisch/was-heisst-systemisch-noch [Stand: 17.8.2009]).

Zudem werden an der systemischen Therapie das Fehlen eines einheitlich-normativen Dachverbands und die unterschiedlichen Selbstverständnisse der Ausbildungsinstitute bemängelt (http://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Therapie [Stand: 17.8.2009]). Die Frage danach, ob diese Theorienvielfalt eine differenziertere Behandlung ermöglicht oder aber es eher an Zugkraft mangeln lässt, wird sich auch in Zukunft immer wieder stellen.


Literaturverzeichnis


Auhagen, A. E. (2004). Das Positive mehren. Herausforderungen für die Positive Psychologie. In Auhagen (Hrsg.) (2004). Positive Psychologie. Anleitung zum „besseren Leben“. Basel usw.: Beltz.

Jork, K. (2006). Salutogenese und Positive Psychotherapie. Gesund werden – gesund bleiben (2. überarbeitete Aufl.). Bern: Huber.

Kröger, F. (2002). Was heißt systemisch noch? Zugriff am 17.08.2009 von http://www.dgsf.org/themen/was-heisst-systemisch/was-heisst-systemisch-noch

Schiepeck, G. (1999). Die Grundlagen der systemischen Therapie. Theorie – Praxis – Forschung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schlippe, A. von & Schweitzer, J. (2003). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schmidt, M. & Vierzigmann, G. (2006). Systemische Ansätze In Steinebach, C. (Hrsg.). Handbuch der Beratung (S. 218-233). Stuttgart: Klett-Cotta.

Chaos, Fraktale und das Wetter. Ein Schmetterling kann die Welt verändern (2000). Zugriff am 17.08.2009 von http://www.scinexx.de/dossier-detail-141-10.html

Systemische Therapie. Zugriff am 17.08.2009 von http://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Therapie